20.07.2026

Spahns Leihmutterschaftsaffäre

 

Spahn und sein Mann Daniel Funke hatten am Mittwoch bekannt gegeben, dass sie Eltern geworden sind. Eine Leihmutter in den USA brachte ihren Sohn Georg zur Welt. Damit umgingen die beiden ein in Deutschland geltendes Verbot, das Spahn als CDU-Politiker mitgetragen hat. In der Union, für die die Leihmutterschaft ein emotional sehr aufgeladenes Thema ist, brach ein Sturm der Empörung los.

 

Am Samstag beugte sich Spahn dem rasant wachsenden Druck – der nicht zuletzt vom Kanzler selbst kam – und informierte die Abgeordneten der CDU/CSU-Fraktion über seinen Rücktritt. "Eines ist mir in den letzten Tagen immer klarer geworden: Meine Familie ist mir das Wichtigste", schrieb er.

 

Mehr als 5.400 Euro für mandatsbedingte Kosten

 

Die steuerpflichtige Abgeordnetenentschädigung – die sogenannte Diät – beträgt derzeit exakt 11.833,47 Euro im Monat. Eine ursprünglich für den 1. Juli vorgesehene Erhöhung um 4,2 Prozent hat der Bundestag am 10. Juli einstimmig ausgesetzt. Ohne diesen Beschluss wären die Diäten auf rund 12.330 Euro gestiegen.

 

Zusätzlich erhält Spahn wie alle Bundestagsabgeordneten eine steuerfreie Kostenpauschale von monatlich 5.467,27 Euro. Rein rechnerisch fließen ihm damit weiterhin rund 17.300 Euro pro Monat aus dem Bundestagshaushalt zu. Die Kostenpauschale ist allerdings kein frei verfügbares Gehalt. Sie soll unter anderem Ausgaben für ein Wahlkreisbüro, eine Zweitwohnung in Berlin, Büromaterial und die Betreuung des Wahlkreises abdecken. Hinzu kommen Sachleistungen wie die Ausstattung des Bundestagsbüros, ein Mitarbeiterbudget und die Nutzung von Verkehrsmitteln für dienstliche Reisen.

 

Verloren hat Spahn dagegen die zusätzliche Vergütung, die er für seine Tätigkeit als Fraktionsvorsitzender erhalten hat. Solche Funktionszulagen werden aus den Haushalten der Fraktionen gezahlt, die wiederum aus staatlichen Mitteln finanziert werden. Sie sind jedoch kein Bestandteil der regulären Abgeordnetenentschädigung. Union nennt Spahns Zulage nicht!!

 

Wie hoch Spahns Zulage als Unionsfraktionschef genau war, ist öffentlich nicht bekannt. Die CDU/CSU-Fraktion legt nicht offen, (natürlich nicht!! Sind  ja Christen)  welche Beträge sie einzelnen Funktionsträgern zahlt. Daher lässt sich auch nicht exakt beziffern, um wie viel Spahns monatliche Einnahmen durch den Rücktritt sinken.

Andere Fraktionen gehen mit diesen Zahlungen transparenter um. Die Grünen zahlen ihren Fraktionsvorsitzenden beispielsweise eine Zulage in Höhe von 50 Prozent der Abgeordnetendiät, also rund 5.900 Euro. Die AfD erhöhte die zusätzlichen Bezüge ihrer Vorsitzenden 2025 auf eine volle Diät und damit auf knapp 12.000 Euro monatlich.

 

Union und SPD weisen in ihren geprüften Fraktionsrechnungen dagegen lediglich aus, wie viel sie insgesamt für Zulagen an Funktionsträger ausgegeben haben. Im Jahr 2023 waren es bei der CDU/CSU-Fraktion rund 2,08 Millionen Euro, bei der SPD rund 1,81 Millionen Euro. Die Summen verteilen sich auf zahlreiche Posten – unter anderem auf den Fraktionsvorsitz, stellvertretende Vorsitzende, Parlamentarische Geschäftsführer und weitere Funktionsträger. Rückschlüsse auf Spahns persönliche Zulage lassen sie deshalb nicht zu.

 

Zurück zu Spahns Versagen auf allen Ebenen

 

In der Affäre um die Elternschaft von Jens Spahn mithilfe einer Leihmutter sind politisch alle Fehler gemacht worden, die man nur machen kann. Vom Fraktionschef selbst ebenso wie von Friedrich Merz. Der Rücktritt von Jens Spahn hat der Sache zwar die Spitze genommen. Es ist freilich die unvermeidliche Konsequenz aus einer ungeheuerlichen Mischung von politischer Ignoranz, fehlendem Instinkt und der kompletten Abwesenheit strategischen Denkens. Die Trümmer eines riesengroßen politischen Unfalls liegen auf der Straße herum, auf der nun die Wahlkämpfer der CDU in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt in die Landtagswahlen ziehen. Und nicht nur DIE werden sich an jedem Wahlstand, an dem sie damit konfrontiert werden, fragen: Wie konnte das passieren? Wie konnte man so mit Anlauf und sehenden Auges vor eine Wand laufen, die schon über Kilometer vor dem Aufprall zu sehen war?

 

Von der Empfängnis bis zur Niederkunft

 

Bekanntlich fällt ein Kind nicht vom Himmel. Es vergehen ca. neun Monate. Bei einer Leihmutterschaft darf man von noch mal so viel Monaten Vorbereitung ausgehen. Mindestens. Ergo: Jens Spahn wusste seit mindestens anderthalb Jahren, was kommen würde. Er wusste, dass er

1.       gegen seine bis dato öffentlich geäußerten Überzeugungen handeln würde,

2.       gegen seine eigene Politik als zuständiger Minister,

3.       gegen die deutsche Gesetzeslage und

4.       gegen die Beschlusslage seiner eigenen Partei.

Noch mal: Spahn hat grundlegend, lange geplant und vorsätzlich gegen vier knallharte Gegebenheiten verstoßen. Er hat mehr als ein Jahr lang konspirativ an seiner Vaterschaft via Leihmutter gearbeitet, anstatt die Sache im engsten Kreis zu besprechen und behutsam vorzubereiten: mit einer Kehrtwende der eigenen Position in Sachen Leihmutterschaft, mit Transparenz über sein Vorhaben. Der Parteitag der CDU vor fünf Monaten, auf dem das Nein der CDU zur Leihmutterschaft erneuert wurde, wäre dafür ein guter Dreh- und Angelpunkt gewesen. Aber Spahn schwieg. Dort wie generell.

 

Merz' krasse Fehleinschätzung

 

Kommunikativ nicht minder unzulänglich ist der Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende Friedrich Merz vorgegangen. Diese Woche ließ er bei einem außenpolitischen Termin wissen, dass ihn Spahn am Freitag vergangener Woche informiert habe und er Spahn gratuliert habe. Er hat den Rücktritt des Unionsfraktionsvorsitzenden Jens Spahn als "richtig" und "unvermeidlich" bezeichnet.

 

"Glaubwürdigkeit ist in der Politik das höchste Gut. Ich danke Jens Spahn für die Zusammenarbeit",

 

teilte Merz mit. Der CDU-Politiker Spahn hat den Weg der Fraktion aus der Opposition in die Regierung mitgeprägt und gestaltet. Damit hat Merz ebenfalls bewiesen, dass ihm dieses so wichtige Gespür fehlt, wieder einmal. Die Wucht des Einschlags in der eigenen Partei jedenfalls hat Merz offenbar so stark unterschätzt, dass er Spahn zunächst öffentlich nur zur Geburt seines Sohnes gratulierte. Auch er dachte wohl zunächst: Damit kommt der, damit kommen wir schon durch. Weitermachen, hier gibt es nichts zu sehen.

 

 

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