10.08.2026
Wladimir
Kaminer
Schriftsteller
und Kolumnist.
Ihn muss man ja nicht besonders vorstellen. 1967
in Moskau geboren, lebt er seit Jahrzehnten in Deutschland, mit intensiven
Kontakten in seine alte Heimat. Sicherlich sehr gut informiert schrieb er
folgendes in "msn", was den ganzen
Wahnsinn und Schrecken eines irren Möchtegern-Zaren unterstreicht, mich
aber gleichzeitig noch mehr hoffen lässt, dass dieser bald sehr unrühmliche
Geschichte sein wird:
Die von Trump geschenkte Chance, die
vorhandene Situation als Sieg zu erklären, schnell in eine Feuerpause zu gehen
und sich wirtschaftlich zu erholen, wurde vertan. Der Präsident wollte auf
keine Verhandlungen eingehen und wiederholte nur sein Mantra: Alle Ziele der
"Speziellen Operation" werden erreicht. Was das für Ziele sind, hat
er nicht erläutert. Nun ist er selbst zum Ziel geworden und sucht händeringend
nach neuen Soldaten. Seine Armee schrumpft.
Ob man es glaubt oder nicht: Es gibt im
größten Land der Welt kaum noch frei herumlaufende Männer im kriegstauglichen
Alter. Das heißt, es gibt schon welche, aber sie sind hinter der Frontlinie
unersetzlich. Die Konzerne und Militärfabriken brauchen ihre Arbeitskräfte, es
sind ein paar Millionen Menschen, die mit einer Befreiung vom Armeedienst
gesegnet sind. Das Gleiche gilt für den über eine Million Kader zählenden
Polizeiapparat, dazu kommen noch die Nationalgarde und andere Abteilungen der
Sicherheitskräfte, die unantastbare russische Innenarmee, die für ein
autokratisches Regime unabdingbar ist, um die drohenden Gefahren von innen in
Schach zu halten. Auch sie suchen Personal.
Offiziere
versus "Millionäre"
Dabei schrumpfen die Teile der aktiven Armee an der Front gewaltig, darüber
wird permanent von den Militärbloggern berichtet. Die Kriegslehre besagt, dass
eine Armee, die eine Offensive führt, dreimal so hohe Verluste haben kann wie
die Seite der Verteidigung. Doch im Fall des russischen Krieges gegen die
Ukraine wird dieser Unterschied von mehreren unabhängigen Beobachtern mit 1 zu
7 berechnet, von manchen sogar mit 1 zu 8. Als Grund für solche hohen Verluste
auf der russischen Seite wird meistens die Überlegenheit der Ukrainer in der
Luft und ihre von den Drohnen geschaffene "Kill Zone" genannt.
Dabei gibt es bei diesem Rätsel noch einen anderen Grund, der kaum
beleuchtet wird. Der russische Krieg ist in vielerlei Hinsicht eine Modernität.
Er wird mit Söldnern geführt. Die Willigen unterschreiben die Kontrakte und
gehen an die Front, dafür bekommen sie sogleich für ihre Unterschrift einen
Batzen Geld. Diese Unterschrift verwandelt arme Menschen in wohlhabende,
umgangssprachlich in "Millionäre".
Ihre diensthabenden Offiziere, die beruflich verpflichtet sind, bekommen
nicht einmal annähernd so viel wie diese Soldaten. Sie haben eine militärische
Ausbildung absolviert, einen Eid geschworen; sie sind dementsprechend in der
Pflicht zu kämpfen – und wenn nötig zu sterben. Wenn ein Oberleutnant oder ein
Major unter seiner Führung hundert "Millionäre" hat, so möchte er, ob
aus Gier oder Gerechtigkeitssinn, an ihrem Gewinn beteiligt sein, er will an
deren Geld.
Letzten Endes ist das Leben der "Millionäre" ganz allein von ihm,
seinen Handlungen und Entscheidungen abhängig. Sein Businessplan sieht
dementsprechend wie folgt aus: so viel wie möglich von den Soldaten zu bekommen
und sie danach möglichst schnell zu entsorgen, um neue, noch nicht verdroschene
frische "Millionäre" unter seine Fittiche zu bekommen.
Bizarres
Zahlenspiel
Und je mehr Verluste ein Offizier meldet, als desto kampffähiger wird seine
Einheit anerkannt. Daraus entsteht eine paradoxe Situation. Möglicherweise ist
diese vom Staat gekaufte Armee die einzige der Welt, in der die Offiziere ein
großes Interesse daran haben, viele Soldaten zu verlieren. Laut Berichten der
überlebenden Deserteure hat diese Art Geschäft ein fantastisches Ausmaß
erreicht. Zuerst werden die Soldaten vor die Wahl gestellt: Sie können sich von
einer aussichtslosen Attacke freikaufen. Für die Ausrüstung, für einen
bevorzugten Kampfplatz: Für alles wird ein Preis verlangt.
Wenn das Geld dann alle ist, müssen sie dran glauben. Die neuen Soldaten
sollen von den Regionen Russlands zur Verfügung gestellt werden, doch weil die
Masche sich inzwischen herumgesprochen hat, sind sie nicht aufzufinden.
Angefixt von dieser kannibalistischen und morbiden Turbokorruption dreht sich
der Fleischwolf des Krieges immer schneller.
10.07.2026
Dieser
Bereich in Russland wächst mächtig
Wladimir Putin ist einer der bestbewachten Männer dieses Planeten. Sein
Sicherheitsapparat wächst und wächst. Aber wer bewacht die Wächter? Das fragt
sich Wladimir Kaminer.
Zum vierten Mal seit Beginn des Kriegs hat der russische Präsident den Kern
seines Sicherheitsdienstes FSO erweitert. Das Zentralkomitee der
Präsidentenbewachung wurde vergrößert und aufgemotzt, von 780 auf 812 Personen,
berichteten die regimetreuen Medien des Landes. Die Beobachter wundern sich,
warum das mitten im Sommer passiert – und nicht wie vorher am Ende jedes
Jahres. Vielleicht aufgrund des fluiden Sicherheitskonzeptes, das permanent
verändert und angepasst werden soll an die Erfordernisse der Zeit.
Möglicherweise haben die neuesten Ereignisse im Iran und in Venezuela dazu
beigetragen, das eigene Sicherheitskonzept noch einmal zu überdenken. Die
amerikanische Führung hat die Weltpolitik in ein Spiel ohne Regeln verwandelt;
es scheint zu einer gefälligen politischen Geste zu verkommen, die Machthaber
eines anderen Staates gezielt und direkt anzugreifen.
Vielleicht aber ist es im Fall Russlands dem fortgeschrittenen Alter des
Präsidenten geschuldet, dessen Bedürfnis nach Sicherheit immer größer wird.
Selbst ein ehemaliger Sicherheitsoffizier, betonte der Präsident immer wieder,
dass die Frage der Sicherheit über alle anderen Fragen Vorrang hat. Für ein
autokratisches Regime stimmt das sogar.
Denn was nützen diesem Staat wirtschaftliche oder militärische Erfolge,
wenn das Oberhaupt, also der Kopf, nicht mehr da ist? Deswegen bekommen die
Sicherheitsdienste in Russland immer mehr Macht, allen voran der FSO. Dazu muss
man wissen, dass das Zentralkomitee der Bewachung nur die Kernabteilung des
Sicherheitsdienstes ist. Es sind ausgewählte Personen, die im direkten Kontakt
mit dem Präsidenten arbeiten, sein Essen vorkosten, seine Trinkflasche
kontrollieren, den Koffer mit seinen Exkrementen (die persönliche Biotoilette)
mitschleppen.
Absurder geht es nicht
Die anderen Abteilungen, die für Drohnen- und Raketenabwehr des Präsidenten
zuständig sind, für den Schutz seiner Reiserouten und für die Logistik seiner
öffentlichen Auftritte, gehören nicht zum engen Kreis. Der Gerechtigkeit halber
muss an dieser Stelle gesagt werden, dass das Bedürfnis nach Sicherheit nicht
nur in Russland, sondern überall auf der Welt gestiegen ist. Die Branche
verschluckt unheimliche Summen, es werden keine Kosten gescheut.
Von humorigen Politologen wird es als eine humanistische Entwicklung
aufgefasst: Die Wertschätzung des menschlichen Lebens ist größer geworden, die
Sicherheitsexperten bieten ihre Dienste an. Dagegen ist erst einmal nichts zu
sagen; natürlich ist die Sicherheit wichtig, man darf bloß sein Leben nicht
allein nach den Anweisungen der Sicherheitsexperten richten, weil diese
Menschen dir dein Leben zur Hölle machen können.
25.06.2026
Der
große Knall ist nur eine Frage der Zeit
Die Invasion der Ukraine hatte sich Wladimir Putin anders vorgestellt.
Russland bekommt den Krieg nun immer direkter zu spüren. Ewig kann das nicht so
weitergehen, meint Wladimir Kaminer.
Feierlichkeiten im Gorki-Park, Jazzfestivals, Filmpremieren: Im Juni fiel
es den Russen besonders schwer, sich auf den Krieg zu konzentrieren. Der Krieg
ist alt und trödelt vor sich hin, die Bevölkerung hat sich an den Krieg
gewöhnt, wie man sich an Tinnitus gewöhnt: extrem unangenehm, aber leider
unheilbar. Die allgemeine Meinung der Bevölkerung tendiert zu der Aussage: Das
ist nicht unser Krieg, sondern der von "denen da oben".
Die-da-oben kaufen sich Soldatenleben, die immer rarer und teurer werden;
sie versuchen damit, ihren Krieg weiter anzuheizen, der mehr qualmt als brennt.
Auch der Kriegsherr macht einen müden, überforderten Eindruck. Zum "Tag
Russlands", einem Nationalfeiertag, der am 12. Juni gefeiert wird, traf Wladimir
Putin sich im Kreml mit den sogenannten "Veteranen der
Spezialoperation", einige von ihnen sind für grausame Verbrechen
vorbestraft, hatten eine kriminelle Vergangenheit, sie wurden direkt aus dem
Knast rekrutiert.
Der Präsident erzählte ihnen von großen Rüstungsplänen, von neuen, streng
geheimen Waffen und russischen Satelliten, die schon sehr bald aus dem All
heraus die Lage an der ukrainischen Front dramatisch verändern würden. Die
aufmerksamen Beobachter sorgten sich über die physische Verfassung des Präsidenten.
Während seiner Rede verdrehte er den Hals, schaute schräg an den Veteranen
vorbei, zog die Laute in die Länge und nuschelte. Ist der Oberbefehlshaber
möglicherweise überarbeitet? Bei seinem Pokerface konnte man noch nie wissen,
ob er wirklich an seine Erzählungen glaubt oder nur so tut, als ob.
Lange ist es her, als Putin mit nacktem Oberkörper auf einem Ross durch die
mittelrussische Ebene galoppierte, in einem Taucheranzug wertvolle Amphoren vom
Boden des Schwarzen Meeres hochholte, die von gefälligen Archäologen speziell
dort platziert worden waren. Er flog mit einem Kranich zusammen unter den
Wolken und kuschelte mit einem Tiger in der Taiga – der muskulöse Anführer des
größten Landes der Welt.
Wieder Zeit für Glamour?
Das größte Land schien unbesiegbar und mächtig zu sein, allein durch seine
gewaltige Endlosigkeit. Dann beschloss das größte Land der Welt, noch mehr zu
wachsen – und zog gegen ein viel kleineres Land in den Krieg. Plötzlich erwies
sich gerade die Größe des Landes als ein Nachteil. Die kleinen Länder können
sich besser gegen tief fliegende Angriffswaffen schützen, sie können sich unter
einer "eisernen Kuppel" verstecken, Raketen und Drohnen abwehren.
Das größte Land der Welt passt unter keine Kuppel. Auf der ganzen Welt gibt
es nicht genug Luftabwehrsysteme, um das große Russland vor ukrainischen
Drohnen zu schützen, die Nacht für Nacht zu Hunderten ins Landesinnere fliegen
und Ölraffinerien, Rüstungsfabriken und Strommasten in die Luft sprengen. Das
ist ärgerlich, und deshalb wird darüber in den regimetreuen Medien nicht
berichtet. Es gibt auch bessere, interessantere Themen: Das Glamourleben hat
wieder grünes Licht, die bunte Welt der russischen Fernsehstars, Modedesigner
und Schlagersänger.
14.06.2026
Russland
stellt noch eine ganz andere Armee auf
Russlands Krieg gegen die Ukraine verläuft schlecht. Deswegen rüstet der
Kreml das Land auch mit Denkmälern auf. Ein recht durchsichtiges Manöver, meint
Wladimir Kaminer.
Überall in Russland werden an öffentlichen Plätzen merkwürdig ausdruckslose
Denkmäler aufgestellt. Wie am Fließband angefertigt, zeigen sie einen
vermummten Soldaten, der eine kugelsichere Weste und ein Maschinengewehr trägt.
Neben dem Soldaten stehen ein Kind und eine Katze. Es handelt sich hierbei um
ein Bildnis des sogenannten "Grünen Männchens", wie diese Vermummten
im Volk genannt werden.
Das erste Denkmal dieser Art wurde auf der Halbinsel Krim, gleich nach der
Annexion 2014, aufgestellt. Damals gelang es der russischen Führung mittels
einer Spezialeinheit, die Halbinsel blitzschnell und fast ohne Verluste zu
besetzen. Die Soldaten, die alle Regierungsgebäude einkesselten, waren vermummt
und trugen dunkelgrüne Uniformen ohne Abzeichen. Seit dieser Spezialoperation
sind die "Grünen Männchen" zu einem Sinnbild der russischen
Großoffensive gegen das Nachbarland und die ganze Welt geworden.
Wenn im russischen Fernsehen Drohungen gegen Europa ausgesprochen werden,
geht es stets darum, die "Grünen Männchen" dorthin zu schicken. Erst
einmal breiten sie sich jedoch als Skulpturen im innerrussischen öffentlichen
Raum aus. Den Schätzungen der Kollegen zufolge wurden seit Beginn der
Großoffensive 2022 über 170 solcher Monumente aufgestellt, angefertigt unter
der Führung von Salawat Schtscherbakow, dem lizenzierten Bildhauer-Chefdesigner
des russischen Kulturministeriums.
Wie in der Sowjetzeit, als nur ausgewählte Bildhauer über das
"Patent" zur Herstellung der Lenin-Köpfe verfügten, diese das ganze
Land mit solchen Köpfen überzogen und dadurch zu den reichsten Sowjetbürgern
wurden, wird heute in Russland mit den "Grünen Männchen" kräftig
verdient. Doch selbst die Lenin-Büsten hatten mehr Ausdruck, zumindest waren
sie nicht vermummt. Und manche Lenin-Denkmäler strahlten so etwas wie Freude
aus. Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein.
Projektionsfläche
für Humor
Meine Kindheit und Jugend habe ich unter unzähligen Lenin-Büsten verbracht.
Sie gehörten zur Innenausstattung jedes Amtes, in jeder Parkanlage konnte man
einen Lenin im Busch finden. Auch in der DDR wurden die Köpfe der Parteikader
in großer Zahl angefertigt, und später wurden darüber unzählige Witze gemacht.
Mein Lieblingswitz zu diesem Thema geht so: Ein kleines Mädchen hat sich
verlaufen, es steht auf der Straße und weint. Der Ordnungshüter fragt sie, wie
ihre Eltern heißen und ob sie überhaupt jemanden in dieser Stadt kennt? Ja,
sagt das Mädchen. Walter Ulbricht und Rosa Luxemburg.